18. Juni 2012

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taz "Das System Janukvitsch angreifen"

Logo_tazDer grüne Europaabgeordnete Werner Schulz hat Julia Timoschenko im Krankenhaus besucht. Ein Gespräch über die Opposition, den deutschen Boykott und die EM.
Interview: Barbara Oertel

taz: Herr Schulz, Sie hatten am Donnerstag Gelegenheit, die inhaftierte Julia Timoschenko im Eisenbahner-Krankenhaus von Charkow zu besuchen. Wie geht es der ukrainischen Oppositionsführerin?

Werner Schulz: Ich bin auf eine sichtbar geschwächte Frau gestoßen, die aber doch sehr aufrecht ist. Das hat mich sehr beeindruckt. Das ist eine Frau, die sogar noch vom Krankenbett aus kämpft und die man so leicht nicht brechen wird. Auch wenn sich Präsident Viktor Janukowitsch das offensichtlich vorgenommen hat. Sie hat es geschafft, die Opposition zu einen.

Zehn Parteien haben sich zusammengeschlossen, um bei der Parlamentswahl im Oktober anzutreten. Julia Timoschenko wird auf Platz eins der Liste gesetzt. Sie ist weniger mit sich beschäftigt, es geht ihr vor allem um das Schicksal ihres Landes, die demokratische Entwicklung der Ukraine. Das ist es auch, was sie aufrecht hält.

Julia Timoschenko war ja immer aus politischen Gründen gegen einen Boykott der EM. Ist das jetzt immer noch so?

Absolut. Sie hat sich 2007 als Ministerpräsidentin für die Vergabe der Meisterschaften in die Ukraine eingesetzt. Es ist ja ohnehin absurd, dass diejenigen, die damals den Zuschlag für die EM in der Ukraine als Anerkennung für die demokratische Entwicklung des Landes bekommen haben, heute im Gefängsnis sitzen.

Timoschenko findet es richtig, dass wir uns gegen einen Boykott der EM ausgesprochen haben, sondern im Gegenteil Präsident Janukowitsch Paroli bieten.

Das haben Sie ja unter anderen mit Ihrer Plakat-Aktion im Charkower Stadion versucht. Dort haben Sie Trasparente entrollt mit der Forderung nach Fairplay und der Freilassung aller politischen Gefangenen. Wie waren die Reaktionen?

Es gab überwiegend freundliche Zustimmung. Es gab viele Leute, die das mit ihren Handys fotografiert und uns mit einem Kopfnicken gezeigt haben, dass sie diese Aktion gut finden. Nur einige Ukrainer waren empört. Mit denen haben wir dann darüber diskutiert, dass Sport und Politik nicht zwei getrennte Welten sind.

Bislang drücken deutsche Politiker ihren Protest durch Abwesenheit aus.

Was ist das denn für ein Protest, nicht dort hinzufahren? Oder zu sagen, wir protestieren nur in der Vorrunde? Und wenn dann die deutsche Mannschaft ins Endspiel kommt, dann fährt die Kanzlerin hin. Das ist völlig daneben und undurchdacht. Ich habe immer gesagt: Nicht die EM boykottieren, sondern das System Janukowitsch angreifen. Das kann man nur, wenn man hinfährt.

Sie haben sich auch noch mit weiteren führenden Oppositionellen getroffen. Wie ist deren Stimmung?

Alle bereiten sich auf die Parlamentswahl vor. Der Zusammenschluss der zehn Parteien ist eine große Leistung und erfolgte, weil die Beteiligten den Marsch der Ukraine in eine neue Despotie verhindern wollen. Deshalb ist es auch so wichtig, dass sich die Europäische Union bereits jetzt darum kümmert, dass der Wahlkampf aufmerksam beobachtet wird und das die Wahlen korrekt ablaufen.

Also es herrscht eher Optimismus vor?

Ja, die Opposition glaubt daran, die Mehrheit bei den Wahlen erreichen zu können. Das wäre, so die Argumentation, eine Voraussetzung für die Befreiung der politischen Gefangenen.

Begreift die Opposition die EM für sich als Chance?

Sie freut sich über das Ereignis und sieht darin eine Chance, dass auch im Ausland mehr hingeschaut wird, was in der Ukraine passiert. Bedauert wird hingegen, dass die Politiker ausbleiben und durch ihre Abstinenz nur einen diffusen Protest zum Ausdruck bringen, der der Opposition rein gar nichts nützt.

Wer wird Europameister?

Ich hoffe, dass Deutschland ins Endspiel kommt und unsere deutschen Politiker nach Kiew reisen und dort auf der Tribüne deutlich machen, dass sie von diesem Janukowitsch-Regime nichts halten.

Und wer wird der Gegner?

Vielleicht die Ukraine oder Spanien. In jedem Fall wünsche ich mir, dass die deutschen Politiker noch einemal die Möglichkeit zu einem deutlichen Statement erhalten.