30. Mai 2013

Drucken


„One World“-Festival: Debatte mit Pussy-Riot-Mitgliedern über Menschenrechtslage in Russland

Es würde eine der besonders hektischen Wochen werden. Das wurde sie auch. Anhörung im Menschenrechtsausschuss über die Lage in Russland, zweitägige Sitzung der Parlamentarischen Versammlung EURONEST, Treffen mit einer ukrainischen Besuchergruppe und am Abend ein vor mir organisierter Kabarettabend im Brüsseler Goethe-Institut.

Förmlich eingequetscht zwischen all diesen Terminen das Filmfestival. Den Film „Winter, geh weg" hatten wir bereits in Berlin mit anschließender Diskussion mit Ilja Yashin und weiteren Gästen gezeigt. Dort mit vollem Saal und guten Diskussionen auch durch und mit dem Publikum. Nicht zu vergleichen mit der Atmosphäre hier im Europaparlament. Hier herrscht ein ständiges Kommen und Gehen auf den Fluren, die auch in dem offenen Saal innerhalb des Parlamentsgebäudes deutlich spürbar ist.

130529Winter geh wegFilm ab. Wie auf einer Insel verfolgen die Zuschauer den Film, der die Atmosphäre der Winterproteste 2011/12 lebendig in Erinnerung ruft. Das förmlich in der Luft liegende Gefühl von Aufbruch und Veränderung, das trotz eisigen Frostes die Menschen in Massen auf die Straße trieb. Eine junger Mann kommentiert im Film: Wir werden sagen können, wir waren dabei.

Eine Euphorie, die Erinnerung weckt an die Stimmung, die unser Land 1989/90 erfasste. Die vielen Menschen, die endlich begreifen, was das Schweigen mit ihnen und aus ihnen gemacht hat. So schwer, wie sprechen lernen, der Schritt, in der Öffentlichkeit zu sagen was man denkt, nicht nur den Freunden am Küchentisch. Damit was in Bewegung setzen, ein ganzes Land. Ein Gefühl, da ist man sicher, dass einen nie mehr verlassen kann, dass man so etwas nie mehr mit sich machen lässt, erträgt, schweigend duldet. doch wie breit muss diese Einsicht um sich greifen, damit es Mauern einreißen kann. Und wie lange bleiben Menschen dieser Entschlossenheit treu, wenn Konsequenzen nicht nur zu befürchten, sondern wahrscheinliche Realität sind? Wieviel "dürfen" Überzeugung kosten?

Russland ist nicht die DDR. Putin, 1989/90 in Dresden als KGB Oberst stationiert, ist fest entschlossen, seine Macht zu verteidigen wie damals die Stasi-Zentrale: Wenn nötig mit Gewalt. Vor allem keine Kompromisse mit der Opposition. Die Gesellschaft entzweien und gegeneinander ausspielen. Der Fall Pussy Riot wird zum Symbol dieser perfiden Strategie. Die Polarisierung gelingt. Nicht nur in Russland, auch in Deutschland ereifern sich alte Männer die Würde ihres Glaubens zu verteidigen. Ob mit oder ohne Absicht, sie haben damit Putin in die Hände gespielt und dem politischen Missbrauch der Kirche durch Putin, den die Frauen mit ihrer Aktion auf den Punkt gebracht haben, noch die Absolution erteilt.

OneWorld Diskussion mit PR 3Und dann sitzen sie mit uns in der Runde. Sehr jung, fast zerbrechlich berichten sie von den beunruhigenden Entwicklungen in ihrem Land, ihrer Sorge um Nadeschda und Maria, die seit fast einem Jahr in getrennten Strafkolonien eingesperrt sind und für kleinste Vergehen schikaniert werden. Von Wochen, in denen niemand eine Nachricht von ihnen erhält, niemand sie besuchen darf. Von der Sorge um die Zukunft ihres Landes, von ihrer Hoffnung auf Europa und die anhaltende Unterstützung vieler Menschen in der ganzen Welt.

So sitzen sie hier und berichten uns, die wir um Jahre älter und lebenserfahrener sind und ihnen doch keine ihrer Sorgen nehmen oder abnehmen können. Und doch ist es ihr Mut, ihr Kampfgeist, ihre Zuversicht, die uns mahnt und ansteckt, neue Kräfte zu mobilisieren.
Nach drei Stunden gehen wir auseinander und tauchen wieder ein in das Geklapper von Schuhen, Geschirr und das Stimmengemurmel auf Fluren und Gängen. Wieder besser wissend, was zu tun bleibt und warum.

 

Werner Schulz interview Pussy Riot, 29. Mai 2013, Europaparlament, Brüssel

Werner Schulz

Ex-MdB/MdEP – DDR-Bürgerrechtler

ep

Informationen zu Besuchs- möglichkeiten im EP finden Sie hier. Weitere Auskünfte auf Nachfrage.

euro_parl

Logos_CSF_EU_Russia

Suchen