27. Februar 2013

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"Landschaften der Lüge" Diskussion anlässlich eines neuen Hörbuches über Jürgen Juchs

Jrgen FuchsManchmal kommt einem seine Hellsichtigkeit und heutige Aktualität direkt ein bisschen unheimlich vor. In den nicht einmal zehn Jahren, die er die DDR nur überlebte, sezierte der 1977 aus dem Stasi-Gefängnis in den Westen abgeschobene Psychologe und Dichter Jürgen Fuchs hochsensibel und messerscharf zugleich die Folgen des SED-Regimes und das Irgendwie-Zusammenwachsen Deutschlands. Unter dem Titel "Landschaften der Lüge" sind die Gespräche für den Rundfunk, die er ab 1990 gab, nun als Hörbuch erschienen. Am Dienstagabend wurden sie in der Stiftung Aufarbeitung in Berlin vorgestellt.

Mitschnitt der Diskussion vom 19. Februar 13

Bei einer begleitenden Podiumsdiskussion wurde schnell deutlich, dass die DDR auf oft fatale Weise immer noch präsent ist -oder besser: ihre vermint liegenden Langzeitfolgen es sind. Da ging es um traumatisierte DDR-Opfer, um SED- und Stasi-Protagonisten, die schnell schnell wieder Machtpositionen erlangten, um Fehler bei der Auflösung des Machtapparates.

Der Greifswalder Psychiater Harald J. Freyberger, der traumatisierte DDR-Opfer therapiert, berichtete etwa von der Schwierigkeit, dass seine Patienten immer wieder an Ärzte gerieten, die früher für die Stasi arbeiteten und heute Gutachten über sie für Renten- oder Versorgungsämter erstellen sollen. "Wir leben ja noch immer in Landschaften der Lüge", sagte der Grünen-Europa-Abgeordnete Werner Schulz. Viele liefen weiter mit ihren DDR-Lebenslügen herum, weigerten sich, das System und ihr Funktionieren darin anfrage zu stellen. Oder deren Dissertationen - vielfach "Lachnummern jenseits aller Wissenschaft", so Schulz mit Seitenhieb auf Gregor Gysi.

Zu lange sei die DDR-Aufarbeitung auf die Stasi konzentriert gewesen, gab der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk zu bedenken. Nun müssten auch Staatsapparat, Polizei, Parteien, Massenorganisationen der DDR genauer untersucht werden. "Interessant ist doch: Was hat jeder einzelne tatsächlich getan, um das System am Laufen zu halten?"

Also Ende der DDR und Probleme ohne Ende? Freude und Freiheitserfahrungen verflüchtigt? Stopp, sagte der Psychiater Freyberger und verwies auf die klare Statistik: Bereits unmittelbar nach dem Mauerfall sei die extrem hohe Suizidrate in der DDR auf westeuropäisches Niveau gesunken und die Lebenserwarung gestiegen. "Und das ist doch wohl ein hartes Kriterium für Freude."

(c) Berliner Zeitung

Werner Schulz

Ex-MdB/MdEP – DDR-Bürgerrechtler

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