15. Mai 2013

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Zeit "Merkel ist eine ehrliche Ostdeutsche"

Logo ZeitDer Grüne Werner Schulz verteidigt die Kanzlerin: Merkel habe eine typische DDR-Biographie. Die Debatte um ihre FDJ-Zeit sei geprägt von westdeutscher Unwissenheit.

Dass momentan so viele Bücher über Angela Merkel erscheinen, hat zweifellos einerseits mit dem Wahlkampf zu tun. Andererseits grübeln viele, speziell Westdeutsche, über ihr Wesen, das sie sich nicht richtig erschließen können. Aber sie kommen ihrer Persönlichkeit nicht wirklich nahe, weil sie die politischen Verhältnisse in der DDR nicht richtig einschätzen können, die einen solchen Charaktertypus geformt haben.

Nur wenn man die Realität dieser unfreien Gesellschaft der DDR kennt, kann man auch das angepasste Leben verstehen. Und jeder, der seine Fähigkeiten weiterentwickeln wollte, musste sich in einem gewissen Maß anpassen. Die Gesellschaft war bekannterweise schizophren, man musste dort frühzeitig das Orwellsche doublespeak erlernen. Offiziell sagte man das, was die Herrschenden hören wollten. Insgeheim hatte man eine andere Meinung, die nur wenige kannten, denen man vertraute.

Angela Merkels verschlossener Charakter erklärt sich aus diesen Verhältnissen. Auch sie musste sehr genau überlegen, was man sagt. In den Organisationen wie der Pionierorganisation, der FDJ oder der deutschsowjetischen Freundschaft waren ja fast alle. Der Organisationsgrad lag bei 90 Prozent oder mehr. Es gab aber eine scharfe Trennlinie zwischen gesellschaftlich Aktiven in der DDR und überzeugten Vertretern des Systems. Diese Linie heißt: Mitgliedschaft in der SED. Wer diese Linie überschritten hatte, bewegte sich auf der Seite des Systems. Wobei nicht alle Parteigenossen überzeugte Kommunisten waren. Viele taten das auch nur aus Karrieregründen - ohne mit dem Herzen oder dem Verstand dabei zu sein.

Was Merkel sagt, ist glaubwürdig

Diese Linie hat Angela Merkel nie überschritten. Jeder hat irgendwann mal in der FDJ solche oder ähnliche Aufgaben übernommen wie sie. Merkel hat sich wahrscheinlich mehr als Kulturorganisatorin verstanden, denn als politische Agitatorin, die das FDJ-Studienjahr zu organisieren hat. Die Texte und Thesen, die man innerhalb der FDJ vertrat, waren ohnehin vorgegeben. Die wurden runtergeleiert, so wie alle das ABC des Marxismus-Leninismus lernen mussten. Ich persönlich habe die Thesen von Marx und Lenin mit großem Interesse gelesen um vor allem die Widersprüche zum real existierenden System zu finden.

Wenn Angela Merkel heute sagt, sie sei auch aus einem Gemeinschaftssinn in der FDJ gewesen, dann ist das glaubwürdig. Denn wenn man da nicht drin war, war man isoliert. Dann hätte sie möglicherweise ihren akademischen Weg nicht gehen können. Als Pfarrerstochter war sie sozial ohnehin schon benachteiligt, weil man im Arbeiter- und Bauernstaat eher Nachteile hatte, wenn man aus einem solchen Umfeld kam. Ihr Vater aber hat ihr zugeraten, sich mit dem Staat zu arrangieren, darum ist sie in diese Massenorganisation gegangen.

Ich persönlich kenne kaum jemanden, der in der Akademie der Wissenschaften war und nicht gleichzeitig der FDJ angehörte. Zudem war Angela Merkels Posten als Kulturreferentin noch unter dem des FDJ-Sekretärs, der innerhalb einer FDJ-Gruppe von vielleicht 30 Leuten der Chef war.

Es ist glaubwürdig, wenn sie sagt, das sei nie ihr Staat gewesen. Wenn man ihr vorwirft, sie sei als Kulturreferentin der FDJ auch für Agitation und Propaganda zuständig gewesen, klingt das bombastisch. Aber Tausende waren dafür offiziell verantwortlich und hatten eigentlich eine teils völlig konträre Einstellung zum System. Dazu gab es kaum alternative Wege - entweder man flüchtete in den Westen oder man schwieg.

Auch in den FDJ-Gruppen gab es außerdem turbulente Sitzungen, bei denen zum Teil heftig diskutiert wurde. Dass Angela Merkel von einem inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi bespitzelt wurde zeigt, dass man ihr nicht traute.

Auch sie hat die friedliche Revolution getragen

Ich selbst war als Bürgerrechtler zwar stärker im Widerstand. Trotzdem sehe ich in Angela Merkel jemanden, der die friedliche Revolution mitgetragen hat. Der im entscheidenden Moment die eingeübte politische Zurückhaltung überwand und aktiv wurde. Ohne solche Menschen wäre diese Massenbewegung gar nicht vorstell bar gewesen. Aus dem Widerstand von uns Bürgerrechtlern will ich kein Epos machen. Wir haben Diskussionszirkel gegründet, illegale Schriften verfasst und innerhalb der evangelischen Kirche Friedenskreise begründet - aber immerhin noch unter dem schützenden Dach der Kirche. Dass so viele im Herbst 1989 dazu gestoßen sind und den Weg zur deutschen Einheit gesucht haben, zeigt aber, dass das Potenzial an kritischen Menschen viel größer war. Und dazu gehört auch Angela Merkel. Sie hat sich ja auch von ihrem Vater abgenabelt, indem sie nicht Theologie, also Metaphysik, sondern Physik studiert hat und offensichtlich ihren eigenen Weg gegangen ist.

Angela Merkel, davon bin ich überzeugt, ist eine ehrliche Frau. Sie steht zu dem, was sie gemacht hat und dass sie bis zur Wende weitgehend unpolitisch gelebt hat oder ihre politische Meinung zumindest zurückgehalten hat. Aber schon bevor es 1990 darum ging, politische Posten zu verteilen, hat sie den Weg zum demokratischen Aufbruch gesucht und sich die Vorstellungen der einzelnen neuen politischen Gruppierungen angeschaut. Am meisten hat sie dann offenbar das Programm des demokratischen Aufbruchs überzeugt, darum ist sie dort Mitglied geworden.

Angela Merkel als Reformkommunistin zu bezeichnen, ist abwegig. Das wäre sie vielleicht gewesen, wenn sie Parteimitglied geworden wäre. Dass Christen mit ihrem Himmelreich auf Erden eine gewisse Nähe zu den kommunistischen Idealen haben, will ich nicht bestreiten. Zwischen dem linken Flügel der evangelischen Kirche und dem kommunistischen Manifest gibt es gewiss Überschneidungen. Angela Merkel hoffte, dass sich durch Gorbatschow etwas ändert, dass wir in der DDR Reisefreiheit, Meinungsund Versammlungsfreiheit bekommen. Viele, die anfangs im Neuen Forum mitgemacht haben, hatten auch diese Hoffnungen. Ich finde Angela Merkel darum aufrichtig und authentisch und bin sicher, dass sie eine Frau war, wie man sie auch in der Bürgerrechtsbewegung finden konnte.

Gastbeitrag von Werner Schulz