31. März 2014

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FAZ "Schlüssellochshow am Kamin"

 Schummrige Beleuchtung, flackerndes Kaminfeuer, eine exquisite Herrenrunde im halblauten Gespräch, wahrscheinlich über Gas- und Geldströme, wie ein Sprecher aus dem Off geheimnistuerisch insinuiert – ist das etwa, fragt sich der russlanderfahrene Fernsehkonsument, eine jener pseudoinvestigativen Propagandasendungen, wie das russische Staatsfernsehen sie zu Krisenzeiten so sehr liebt? Falsch.

Es handelt sich um einen Beitrag des ARD-Magazins „Report". Der Moderator Fritz Frey führt uns heute die schlimme Männerfreundschaft von Altkanzler Schröder mit dem Krim-Annektionisten Putin vor Augen, dessen zweites Epitheton „lupenreiner Demokrat" Frey sich auf der Zunge zergehen lässt. Er erwähnt, dass Schröder der Europäischen Union an der Krimkrise eine Mitschuld gab und vor Wirtschaftssanktionen warnt, erörtert jedoch nicht deren Sinn oder Unsinn, sondern nur den Umstand, dass Schröder in dieser Frage – Überraschung! – als Northstream-Besoldeter auch in der Eigenschaft eines Lobbyisten sprach.

Nachgespieltes Stelldichein

Dass im Geschäft im Allgemeinen und mit Russen im Besonderen persönliche Vertrauensverhältnisse entscheidend sind, ist eine alte Geschichte. Doch dank Freys tapferem Reporterpaar Heiner Hoffmann und Ulrich Neumann können wir uns jetzt ausmalen, was uns da wieder einmal verheimlicht wurde, und zwar bei einem informellen Treffen in der Berliner russischen Botschaft am 4.März, als die Krimkrise schon brodelte.

Man sprach über einen deutsch-russischen Wirtschaftsraum. Deshalb haben Hoffmann und Neumann besagtes Kaminzimmer im Studio aufgebaut, wo nebulös verschwommene Statisten das Stelldichein des Vorsitzenden des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft, Cordes, des Altkanzlers Schröder, des kremlloyalen Russlandexperten und Wintershall-Lobbyisten Alexander Rahr bei Botschafter Grinin nachspielen.

Es ist eine luxuriöse, völlig ausgedachte Schlüssellochshow. Ein Kameraschwenk zeigt in Nahaufnahme teuren Grappa und dicke Zigarren in gepflegten Händen. Da müssen doch, meint man, die billigen russischen Fernsehmystifikatoren vom Schlag eines Andrej Karaulow oder einer Anna Chapman in Deutschland eingefallen sein.

Keine Angst, es handelt sich um gebührenfinanzierte journalistische Grundversorgung. Rahr bestätigt vor der Kamera, über die geschäftlichen Gesprächsthemen könne er nichts sagen. Glücklicherweise geloben grüne Europapolitiker wie Rebecca Harms und Werner Schulz, Schröders fünfter Kreml-Kolonne Kontra zu geben. Und wir freuen uns schon auf die nächsten Schlüssellochgeheimnisse.

Werner Schulz

Ex-MdB/MdEP – DDR-Bürgerrechtler

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