15. April 2015

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Badische Zeitung "Wir hatten eine Aufgabe zu erfüllen"

Finanzminister Wolfgang Schäuble und der frühere DDR-Bürgerrechtler Werner Schulz sprechen über 25 Jahre Deutsche Einheit.

weiterer Artikel zur Veranstaltung "1989 überrollte die Realität die Fantasie", Mittelbadische Presse, 15.4.15

OFFENBURG. Es war ein Austausch von persönlichen Erinnerungen, von Einsichten, Einschätzungen und Bewertungen, das Gespräch von DDR-Bürgerrechtler Werner Schulz und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am Montag im Salmen unter der Moderation von Markus Knoll. Thema der CDU-Veranstaltung war die deutsche Einheit, die vor 25 Jahren gewonnen wurde.
Als ganz normaler, nach dem Zweiten Weltkrieg geborenen "Wessie" wurde man bei den Berichten von Werner Schulz aus dem "zweiten deutschen Unrechtsstaat" – so Schulz über die DDR –, doch recht nachdenklich. Schulz sprach von der Befreiung, die es darstellt, wenn man sich mit seinem Land identifizieren kann. In der DDR – "Eine Lüge mit drei Buchstaben" – sei das nicht möglich gewesen. Gewiss habe man auch in der DDR gut leben können, wenn man sich mit dem Regime arrangierte oder die Politik ausblendete. Aber das Engagement, das ein Land brauche und das es belebe, sei in einem Unrechtsstaat nicht möglich. Er wiederholte die Aussage von Bundespräsident Joachim Gauck, wonach das Deutschland heute der beste Staat sei, der je auf deutschem Boden existiert habe. Schulz: "Es ist nicht das großspurige Deutschland geworden, das man gefürchtet hat, sondern ein Staat, der sich seiner Verantwortung für den Frieden in der Welt bewusst ist."

Schulz sprach wenig über den DDR-Alltag, doch das Wenige wirkte. So schilderte er die Sorge, dass seine Kinder gehen könnten. So sehr er das verstanden hätte – es wäre ein Abschied auf immer geworden. Das Abwürgen jeglicher Eigeninitiative durch die Staatsmacht habe viele gute Köpfe dazu getrieben, in den Westen zu wechseln – auch wenn sie dort von ganz unten neu anfangen mussten. "Der Westen hat davon profitiert, das DDR-Regime ist an diesem Aderlass zerbrochen."

Ein Stasi-Mitarbeiter habe ihm einmal einen Ausreiseantrag unter die Nase gehalten. Er sei doch ein Staatsfeind, er solle ausreisen. Er habe abgelehnt mit den Worten: "Reisen Sie doch aus. Dann ist das Problem auch gelöst." Der Wunsch und der Wille, in diesem Staat etwas zu verändern, sei bei vielen sehr groß gewesen – und ebenso die Angst vor der Ausbürgerung. Am Tag der Maueröffnung war er mit seiner Frau wie viele andere nach Westberlin spaziert. Plötzlich sei ihm der Gedanke gekommen, dass es eine Finte sei. Dass die Grenzen geschlossen würden und sie alle nicht mehr zurück durften. "Ich wollte aber zurück. Wir hatten eine Aufgabe zu erfüllen." So sei er umgekehrt. "Hey, du gehst in die falsche Richtung", habe man ihm zugerufen.

Einig waren sich Schulz und Schäuble, dass die Politik der Bundesregierung in den Jahren davor richtig gewesen sei. "Wir wollten, dass möglichst viele DDR-Bürger den Westen besuchen können", erklärte Schäuble, "in der Überzeugen, dass dies das DDR-Regime destabilisiere." Schulz teilt diese Einschätzung. Die Bürger der DDR seien westorientiert gewesen. "Abends um 20 Uhr emigrierte die Bürgerschaft via Fernsehen in den Westen", so Schulz. Dabei habe man vor allem auf die Bildhintergründe geachtet: "So sieht Paris aus – oder Offenburg. Städte, die man allenfalls als Rentner einmal sehen würde." Uneins waren sich Schulz und Schäuble mit der Bewertung der Art und Weise, wie die Einheit vollzogen wurde. Schulz und seine Gruppe, das Neue Forum, arbeiteten an einer Verfassung auf Grundlage des Grundgesetzes, über die alle Deutschen abstimmen sollten. Schäuble, damals Innenminister, verteidigte den Einheitsvertrag als die schnellere Lösung: "Es musste schnell gehen. Wir wussten nicht, wie Moskau reagiert."

Kontrovers beurteilt wurde auch der Auftritt von Westpolitikern bei der Wahl zur Volkskammer im März 1990. Die Bürgerrechtler erhielten gerade einmal drei Prozent der Stimmen, die CDU wurde stärkste Partei – dank Kohl, wie Schulz anmerkte. Die von Kohl geprägte Allianz für Deutschland – das hörte sich an wie eine Versicherung, so Schulz sarkastisch. Schäubles Erinnerungen an den Wahlkampf sind etwas positiver. Er habe bei einer Veranstaltung einmal von 20000 Menschen gesprochen. "Mir war klar: Das passiert mir nie wieder." Zugleich forderte er Respekt für jene, die diese friedliche Revolution bewirkt hatten: "Wir im Westen sind nie so gefordert worden, wie Werner Schulz und seine Mitkämpfer.

Werner Schulz

Ex-MdB/MdEP – DDR-Bürgerrechtler

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