03. Dezember 2012

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Focus "Protest gegen die Obrigkeit"

Bisher war "Das unerschrockene Wort" der 16 Lutherstädte ein weithin unbekannter Preis. Durch den Streit um die Nominierung der russischen PunkBand Pussy Riot bekam er plötzlich eine ungeahnte Bedeutung. Doch dabei ist den Juroren das Herz in die Kniekehle gerutscht, und die für Zivilcourage gedachte Auszeichnung mutierte zum "Deutschen Kleinmutpreis". Prämiert wurde die Regensburger Kneipeninitiative "Keine Bedienung für Nazis". Die kommt zwar 80 Jahre zu spät, hat aber die Absicht, "den braunen Sumpf trockenzulegen" verblüffend wörtlich genommen.

 

Der Jury ist allerdings entgangen, dass trotz solcher ins Kraut schießenden Antifa-Initiativen die Ausbreitung rechtsextremer Gesinnung angeblich zugenommen hat. Dass die Wirte für ihr furchtloses Auftreten Unbill in Kauf nehmen mussten, wie die Preisausschreibung vorgibt, lässt sich hingegen nicht bestätigen. Der Umsatzausfall dürfte durch das Preisgeld kompensiert werden. Mut wäre es, wenn die Gastronomen endlich rassistischen und sexistischen Sprüchen am Stammtisch Paroli bieten würden.

Ulrich Schacht behauptet, dass der Reformator die Kandidaten wahlweise für teufelsbesessen oder unchristlich gehalten hätte. Doch selbst wenn der Autor sich in einer tiefen Verbindung zu Luther wähnt, bleibt seine Aussage wüste Spekulation. Vermutlich hätte sich Luther mit den trinkfesten Gesellen gern an einen Tisch gesetzt und seinen unbändigen Judenhass und seine Türken- und Islamabneigung besprochen.

Vielleicht führt die verunglückte Preisvergabe dazu, dass wir uns noch vor dem großen Reformationsjubiläum kritisch mit Luthers multipler Persönlichkeit befassen. Der einerseits Papst und Kaiser die Stirn geboten, die Reformation und deutsche Sprache vorangebracht hat. Und andererseits mit seiner Zwei-Reiche-Lehre dem Führer gehorsame Untertanen und scharenweise Pfarrer verpflichtet hat und ihm mit seinen Schmähschriften als geistiger Wegbereiter der Judenverfolgung diente. Erst Dietrich Bonhoeffer hat sich durch die grausame Erfahrung des braunen Terrors über Luthers Theologie hinweggesetzt und der evangelischen Kirche ihre Bestimmung und Würde zurückgegeben. Darum wäre es in seinem Sinne gewesen, allein an Luthers Protest gegen die Obrigkeit und seine Standhaftigkeit anzuknüpfen. So wie das Pussy Riot taten, indem sie die unheilige Allianz zwischen Kirche und Kreml angeprangert haben. Zur richtigen Zeit und am richtigen Ort. Denn ziviler Widerstand ist notwendig, wenn ein Staat wieder in die Diktatur abdriftet und der Patriarch im neuerlichen Ablasshandel mit Putin den Präsidenten zum Gottgesandten erhebt.

Gerade in der Lutherkirche, in der ein skrupelloser Diktator als göttliche Vorsehung verehrt wurde, müssten doch alle Alarmglocken läuten. Mit ihrem Punkgebet und ihrem furchtlosen Auftreten vor Gericht haben Pussy Riot den despotischen Charakter und die Willkürjustiz des russischen Staates enthüllt. Wer meint, dass sie obszöne Luder und satanische Hexen wären, sollte sich nicht hinter Luther verstecken, sondern steht mit Putin auf einer Stufe.

GRÜNER PUTIN-GEGNER
Der ostdeutsche Bürgerrechtler Werner Schulz, 62, wurde 1980 von der Humboldt-Universität entlassen, weil er gegen die Besetzung Afghanistans protestiert hatte. Von 1990 bis 2005 war er Bundestagsabgeordneter, seit 2009 ist er Europaabgeordneter der Grünen.

(c) Focus