Lesung "Rückgabe der Namen" in Moskau
Wie bereits im letzten Jahr nahm ich am 29. Oktober 11 erneut an der von Memorial organisierten Verlesung der Namen von Opfern des stalinistischen Terrors teil. Die Veranstaltung findet jährlich am Vortag des Gedenktages an die Opfer der politischen Repression direkt im Zentrum Moskaus, am Lubjanka-Platz, gegenüber der ehemaligen Zentrale des sowjetischen Geheimdienstes KGB statt. Auch dieses Jahr versammelten sich trotz Kälte viele Menschen am Denkmal für die Opfer des Stalinismus.
Selbst zu später Stunde bildete sich eine lange Schlange von Menschen, die ruhig, mit Kerzen und Namenszetteln in der Hand warteten, bis sie an der Reihe waren. Viele Menschen verlasen Namen von eigenen Familienangehörigen oder Freunden. Dabei waren es nicht nur alte Menschen, die an der Aktion teilnahmen, auch viele junge Menschen waren dabei, sogar junge Familien mit Kindern.
So unterschiedlich wie die versammelten Menschen waren auch die Opfer, an die erinnert wurde. Nur der Name, der Beruf, das Hinrichtungsdatum und das Alter am Tag der Hinrichtung werden bei der Aktion verlesen. Hinter jedem dieser Namen verbirgt sich eine tragische Geschichte, die man nur erahnen kann. Doch schon die knappen Informationen gingen unter die Haut: Hausmeister, Lokomotivführer, Studenten, Krankenschwestern, Professoren, Rentner, Familienväter, viele junge Menschen. Rücksichtslos wurden alle umgebracht, die auch nur in Verdacht gerieten, dem Regime im Wege zu stehen. Die knappe Verlesung der Namen symbolisierte umso mehr die Skrupellosigkeit und Grausamkeit des Regimes.
"Rückgabe der Namen" ("Woswraschtschenie Imen") heißt diese symbolische Veranstaltung - und so wollte ich dieses Jahr an vier Leipziger Studenten erinnern, die Anfang der 50er Jahre wegen politischer Tätigkeit verhaftet, verurteilt und in Moskau hingerichtet wurden. Drei von ihnen 1951, also vor genau 60 Jahren. Sie hatten nach dem Vorbild der "Weißen Rose" und der Geschwister Scholl mit Plakaten und Flugblättern gegen die Volkskammerwahl und den Aufbau einer kommunistischen Diktatur in der DDR protestiert.
Direkt nach meiner Verlesung kam eine ältere Frau auf mich zu. Sie zeigte sich fassungslos und sehr ergriffen von den Schicksalen dieser jungen Menschen, die schuldlos verschleppt und hingerichtet wurden und bedankte sich bei mir. Diese Reaktion zeigte mir, wie wichtig die Erinnerung an diese Verbrechen ist. Und dies gilt gleichermaßen für Russland wie auch für Deutschland.
Hier folgend die Namen und Daten der vier Studenten der Universität Leipzig, die 1951-52 in Moskau hingerichtet wurden:
Rybka, Gerhard*
geboren am 23.9.1922 in Bad Salzungen, 1948-51 Studium der Veterinärmedizin an der Universität Leipzig, am 23.8.1951 durch ein sowjetisches Militärtribunal nach den Artikeln 58(6) und 58(11) des Strafgesetzbuches der RFSSR zum Tode verurteilt,
Am 1.11.1951 bei Moskau hingerichtet
Belter, Herbert*
geboren am 21.12.1929 in Greifswald, Abitur im Juli 1949 an der Vorstudienschule der Universität Rostock; 18.10.1949 Beginn des Studiums an der Universität Leipzig, Gesellschaftswissenschaftliche Fakultät, Fach Volkswirtschaft, verhaftet am 5.10.1950, exmatrikuliert am 6.1.1951 wegen "Nichtbelegen und Nichtbezahlen"
Erschossen am 28.4.1951 in Moskau
Schroeder, Axel*
geboren am 15.5.1927 in Bad Ferienwalde/ Oder. 1947 Beginn des Theologiestudiums an der Universität Greifswald, Fortsetzung an der Universität Leipzig, verhaftet im 11.10.1950 in Leipzig, im April 1951 in Potsdam nach Artikel 58 des Strafgesetzbuches der RFSSR zum Tode verurteilt
Hingerichtet am 4.7.1951 in Moskau
Eisfeld, Heinz*
geboren am 24.10.1931 in Altenburg/Thüringen, 1942-1950 Oberschule Meuselwitz, dort im Juli 1950 Abitur, 1950-1952 Medizinstudium an der Universität Leipzig, April 1952 Verhaftung durch sowjetische Besatzungsmacht, Juni 1952 zum Tode verurteilt durch ein sowjetisches Militärtribunal in Potsdam wegen antisowjetischer Propaganda, Zugehörigkeit zu einer antisowjetischen Gruppe und angeblicher Spionage.
Hingerichtet in einem Moskauer Gefängnis am 23. Oktober 1952
* Die Fotografien und biografischen Angaben sind der von der Universität Leipzig und der Vereinigung von Förderern und Freunden der Universität Leipzig e.V. herausgegebenen Broschüre "Studentischer Widerstand an der Universität Leipzig 1945-1955" (Sax-Verlag Beucher, 1998) entnommen. S. 67, 131, 136ff.










