24. Januar 2009 Interview Spiegel

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"Parlamentarisches Comeback"

Dabei sind es sind zweifellos wichtige Fragen der Klima-, Wirtschafts- und Außenpolitik, die zunächst zu besprechen sind. Nur, die Differenzen liegen eher in den Spiegelstrichen. Auch die ersten Wahlgänge für die Europaliste sind wenig spektakulär: Auf Platz eins wie verabredet die Europa-Spitzenfrau Rebecca Harms, auf dem zweiten Ex-Parteichef Reinhard Bütikofer. Auch die prominenten Grünen-Quereinsteiger - Attac-Mitbegründer Sven Giegold und Amnesty-International-Generalsekretärin Barbara Lochbihler - kommen locker durch.

Doch dann steht da ein älterer Herr am Rednerpult, die Haare weiß und die Stimme mitunter schon ein bisschen brüchig. Aber sie ist noch stark genug, um für ein paar Minuten in den Saal zu donnern. Dort wird es still.

Werner Schulz, 59, schafft mit dieser Rede ein Comeback, das ihm kaum noch einer in der Partei zugetraut hatte.

Auch am 1. Juli 2005 hatte er gedonnert - und zwar in Richtung Regierungsbank. Dem rot-grünen Kanzler Gerhard Schröder schmetterte Schulz damals im Bundestag entgegen, die von ihm gestellte Vertrauensfrage sei "ein inszeniertes, ein absurdes Geschehen". Der ehemalige DDR-Bürgerrechtler, Mitbegründer des Neuen Forums und Bündnis-90-Urgestein, stellte sich wieder einmal gegen einen Mächtigen. Seine politische Karriere schien damit beendet. Für die folgende Bundestagswahl bekam Schulz, der sich auch gegen die Agenda 2010 ausgesprochen hatte, keinen sicheren Listenplatz mehr.

Seine Chancen im Vorfeld des Dortmunder Parteitags wurden als gering eingeschätzt. "Der ist durch", hieß es von Realo- und Parteilinken-Insidern. Sieben Konkurrenten hatte er zudem für den aussichtsreichen Listenplatz acht, darunter ein aktueller Europaabgeordneter und Parteiveteran und weitere ernstzunehmende Kandidaten. "Ich weiß es doch auch nicht", sagte Schulz am frühen Nachmittag auf die Frage nach seinen Chancen.

Besonders zuversichtlich klang das nicht.

Nur, am Ende des Tages sind die Grünen eben doch eine Partei, die für Überraschungen gut ist. Zudem haben die sieben Regierungsjahre mit den Sozialdemokraten die Grünen so viel Kraft gekostet und so viele Wunden gerissen, dass selbst einer wie Schulz wieder gelitten ist.
Und: Schulz hält tatsächlich eine bemerkenswerte Rede. "Der hat doch eigentlich schon immer besser geredet als Joschka Fischer", wird später ein Alt-Grüner sagen. Obwohl Fischer viel an Glanz verloren hat bei den Grünen - das ist immer noch ein großes Lob. Und es war gerade der ehemalige Grünen-Allgewaltige, der Schulz immer wieder ausbremste.

In Dortmund erinnert Schulz zunächst an den 24. Januar 1989, als der damalige DDR-Außenminister Oskar Fischer öffentlich die Ewigkeit der Mauer beschwor - und an den langen Weg, den die Grünen seitdem gegangen sind. Aber dann ist Schulz rasch in der Gegenwart. "Die Leute haben doch inzwischen mehr Angst vor ihrem Anlageberater als vor al-Qaida", sagt er. Das sei der falsche Weg für Deutschland und Europa. "Nicht 25 Prozent Rendite, sondern 100 Prozent Nachhaltigkeit sind rentabel." Auch die Parteivorderen auf dem Podium applaudieren inzwischen laut und sichtbar. Früher hätten die Sozialdemokraten "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit" gesungen, sagt Schulz - und heute? "Wir müssen die Genossen ins solare Zeitalter führen."

In Osteuropa dagegen möchte Schulz vor allem der Zivilgesellschaft auf die Beine helfen, insbesondere in Russland und der Ukraine. "Natürlich muss die Zivilgesellschaft von unten wachsen", sagt er - "aber da können wir, da kann ich helfen".
43 Prozent bekommt Schulz im ersten Wahlgang - und strahlt.

Nur wenige Minuten später hat er es wirklich geschafft: Auf gut 68 Prozent kommt Schulz schließlich und wird damit mit großer Wahrscheinlichkeit im Sommer ins Europaparlament einziehen. Als erstes fällt ihm Katrin Göring-Eckardt um den Hals, Bundestagsvizepräsidentin - und eine der letzten bei den Grünen verbliebenen Spitzenleute von Bündnis 90.

Dann steht Werner Schulz am Rednerpult, er muss das Votum noch förmlich akzeptieren. Schulz zögert einen Moment, aus der Entfernung sieht es aus, als müsse er die Tränen zurückhalten. Ja, er nehme die Wahl an, sagt Schulz. Und: "Ich bereue keinen Tag bei den Grünen, auch wenn ich mich geschunden habe."

Am Ende hat es sich eben doch gelohnt.

Werner Schulz

Ex-MdB/MdEP – DDR-Bürgerrechtler

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