29. Januar 2009 Interview Focus

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"Die Rückkehr des letzten Mohikaners"

 

Der frühere DDR-Bürgerrechtler Werner Schulz
Geschichte wiederholt sich doch. Als der frühere Bürgerrechtler Werner Schulz 2002 schier aussichtslos um ein Bundestagsmandat in Berlin gegen etablierte Kandidaten von Linken und Realos kämpfte, belächelten führende Grüne dieses Ansinnen. „Du hast keine Chance, also nutze sie!" Mit diesem Satz und einer fulminanten Rede eroberte der nicht eingeplante und ungewollte Kandidat die Herzen der Basis und ließ das grüne Establishment alt aussehen. Er fegte Ex-Gesundheitsministerin Andrea Fischer, ein Protegé des Obergrünen Joschka Fischer, sowie den Altlinken Hans-Christian Ströbele beiseite. Schulz zog daraufhin wieder in den Bundestag ein.

Der streitbare gelernte Lokomotivschlosser aus Berlin-Pankow, störte nicht nur in den 70er-Jahren als DDR-Oppositioneller die herrschenden SED-Kreise, auch in der westlichen Demokratie mischte er gern längst festgelegte Absprachen auf. Bürgerrechtler Schulz ist im Politikbetrieb unbequem und unbeugsam geblieben. Er war zum Ärger der rot-grünen Regierung ein bekennender Gegner der vorgezogenen Bundestagswahl 2005 und der Agenda 2010. Auch auf dem Europaparteitag der Grünen in Dortmund an diesem Wochenende sollten die vorderen und sicheren Plätze durch eine weit vorher abgesprochene Liste zwischen Linken und Realos abgestimmt werden – ohne Schulz.

„Jetzt oder nie – Demokratie!"

An die Tradition der Bürgerrechte im 20. Jahr des Mauerfalls dachte keiner der Parteioberen. Schulz, der sich seit seinem Ausscheiden aus dem Bundestag 2005 mit Vorträgen und Moderationen für die eine oder andere Parteiangelegenheit beschäftigte, wollte es noch einmal wissen. Der Weckruf der Opposition aus DDR-Zeiten blieb für ihn lebendig: „Jetzt oder nie – Demokratie!"

Der mit 15 Bundestagsjahren erfahrene Politiker und Wegbereiter der Fusion von Bündnis 90 und den Grünen im Jahr 1993 führte zwar viele Gespräche, wurde im weiten Vorfeld jedoch wieder nur als Störenfried der intern längst verabredeten Kandidaturen gesehen. Acht Kandidaten bewarben sich um die sichere Listenposition acht: Neben dem langjährigen Europa-Abgeordneten und Agrarspezialisten Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf wollte sich auch der Kandidat der Grünen Jugend, Jan Philipp Albrecht, den Garantieplatz schnappen.

Es war somit auch ein Duell Alt gegen Jung. Doch Schulz zündete als letzter Kandidat in seiner Vorstellungsrede ein siebenminütiges rhetorisches Feuerwerk. Die anderen hielten bis dahin ordentliche Ansprachen, nur den Saal begeistern konnte niemand – nicht einmal die schon gewählten Spitzenkandidaten auf den ersten sieben Plätzen.

„Du hast keine Chance, also nutze sie"

mohikaner2Mit einer Brandrede schaffte Schulz auf den als sicher geltenden Listenplatz acht
In Dortmund verblüffte der ostdeutsche Schulz die Delegierten mit der Erinnerung, dass am 24. Januar 1989 Außenminister Fischer öffentlich noch die Ewigkeit der Mauer beschwor. „Welcher Fischer?", dachten die Zuhörer. „Der letzte DDR-Außenminister Oskar Fischer", rief Schulz und weckte nach fünf Stunden Kandidatentortour die Anwesenden in der Westfalenhalle.

Bündnis 90, friedliche Revolution, Bürgerrechte, da war doch was? Sträflich hatten die Grünen in der Nach-Fischer-Ära die ostdeutschen Wurzeln der Bürgerrechtsbewegung in der Partei vernachlässigt. Für Schulz und andere, die die eingemauerte DDR nicht verlassen durften, waren das jedoch immer die „fesselnden Momente im Leben der anderen". Fraktionschef Fritz Kuhn, einer von Schulz' Unterstützern, räumte am Ende ein: „Wenn wir ihn nicht gewählt hätten, könnten wir uns dieses Jahr gleich die ganzen Reden und Feiern zum 20. Jahrestag des Mauerfalls sparen." Denn die politische Marke „Bündnisgrüne" ist längst wieder vom Westlabel „Grüne" ersetzt worden.

„Das Europaprogramm der Linken ist die Agenda 1917"

Mit einer kritischen Tour durch die Weltkrise und europäische Politik fesselte Schulz seine Zuhörer mehr und mehr. Der 59-jährige bot sich auf der Bühne als ihr rhetorisch versierter und analytischer Anwalt an. „Die Leute haben doch inzwischen mehr Angst vor ihrem Anlageberater als vor El Kaida", donnerte er vom Pult. Das sei der falsche Weg für Deutschland und Europa. „Nicht 25 Prozent Rendite, sondern 100 Prozent Nachhaltigkeit sind rentabel." Der Saal tobte, selbst die Parteiführung auf dem Podium rührte sichtbar und lautstark die Hände. Früher hätten die Sozialdemokraten „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit" gesungen, erinnerte Schulz – und heute? „Wir müssen die Genossen ins solare Zeitalter führen."

Selbst auf das bei den Grünen übliche Gegifte gegen den politischen Konkurrenten FDP verzichtete der Mann der Bürgerrechte. Effekte ja, aber bitte keine billigen. Dafür führte Schulz die knallroten Genossen als Nicht-Europäer vor, denn die Linke um Parteichef Oskar Lafontaine lehnt den EU-Vertrag notorisch ab. „Das Europaprogramm der Linken ist die Agenda 1917", wetterte Schulz und die Halle tobte. Schließlich wollte schon der kommunistische Diktator Lenin kein vereinigtes und freies Europa.

Schulz versprach am Ende für die Grünen und Europa „Brücken nach Osteuropa" zu bauen, damit zusammen wächst, was für ihn heute zusammengehört. „Das war eine klasse Rede", brachte es der Berliner Bundestagsabgeordnete Wolfgang Wienand auf den Punkt. Über 43 Prozent im ersten Wahlgang waren der Lohn des Saales, mehr als 68 Prozent machten im zweiten Durchgang das Comeback des letzten Bürgerrechtlers der ersten Stunde klar.

Die Grünen haben ihren Unbequemen zurück – zum Leidwesen von manchem Parteifunktionär. Nach dem Wahlsieg war es dann wie immer im politischen Betrieb: Es kamen viele ehrliche Gratulanten, aber auch die, die den aufrechten Einzelkämpfer lieber als Dinosaurier ins Museum abgeschoben hätten. Denn im Erfolgsfall gilt das opportunistische Prinzip: Bloß rechtzeitig an der Seite des Siegers sein

Fotos: dpa
Von FOCUS-Korrespondent Olaf Opitz, Dortmund

Werner Schulz

Ex-MdB/MdEP – DDR-Bürgerrechtler

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