17. Juli 2010 Leipziger Volkszeitung Porträt

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"Leben unter Dampf"

Werner Schulz, 1950 in Zwickau geboren, ist Lokomotivschlosser. Mit dem Abitur konnte er als Absolvent einer Erweiterten Oberschule diesen Facharbeiterabschluss erwerben. Schulz' Gesellenstück entstand im Reichbahnausbesserungswerk und war ein Aschekasten für eine Dampflok.

Leben unter Dampf - Vollblutpolitiker Schulz kennt die sehr verschiedenen Situationen, Feuer entfachen oder Luft ablassen zu müssen. So geschehen auch am 20. Jahrestag der Friedlichen Revolution im Leipziger Gewandhaus. Hier hielt er seine Rede aller Reden. Angespannt, nicht aufgeregt, ging er ans Pult. Die deutsche Politprominenz saß vor ihm. Schulz' Adrenalinausstoß war beträchtlich. Der Mann loderte, der Saal fing Feuer, als er dazu aufforderte, den Bundespräsidenten vom Volk wählen zu lassen, er aber, wissend um die Machtstrukturen, in einem Atemzug sagte: "Eher haben die Inder einen Unberührbaren auf dem Mond abgesetzt, als dass die deutschen Parteien auf ihr Vorrecht verzichten, die Wahl des Bundespräsidenten unter sich auszumachen." Die Ereignisse wenige Monate später geben Schulz recht. Von seinen Leipziger Forderungen rückt er nun schon gar nicht ab: "Die Zeit ist vorbei, dass die Parteien darüber entscheiden, wer als Bundespräsident eingesetzt und eine scheinbar demokratische Wahl wie ein Koalitionsparteitag mit imperativem Mandat durchgezogen wird", sagt Schulz.
Der Volksentscheid ist quasi das Urthema seines Politikverständnisses: "Der Artikel 146 steht wie ein Denkmal im Grundgesetz. Die Mütter und Väter des Grundgesetzes hatten gerade diesen einen Artikel für den historischen Fall der Wiedervereinigung vorgesehen und dafür auch festgelegt: Dieses Grundgesetz gilt so lange, bis sich das deutsche Volk in freier Selbstbestimmung eine Verfassung gibt."

1990 saß Werner Schulz fürs Neue Forum am Runden Tisch und war Mitglied der Verfassungskommission. In fieberhaften Nächten wurde eine Verfassung erarbeitet. Alle möglichen europäischen Vorbilder wurden studiert, Verfassungsrechtler aller politischen Lager konsultiert. Im Endeffekt sei eine hochmoderne Verfassung entstanden, die auch kompatibel mit dem bundesdeutschen Grundgesetz gewesen wäre. Die wichtigste politische Botschaft lautete: Vereinigung nach Grundgesetz-Artikel 146 und nicht Beitritt oder Anschluss nach Artikel 23. In den Volkskammerwahlkampf zogen Schulz und Co. dann auch mit dem Slogan "Kein Anschluss unter dieser Nummer". Alle am Runden Tisches trugen den Entwurf mit. Eine Chance auf Realisierung hatte die neue, noch DDR-Verfassung, die laut Schulz die Wiedervereinigung nicht im geringsten blockiert hätte, nicht: "Es war eine bittere Enttäuschung, dass bereits die Überweisung an die Ausschüsse der Volkskammer abgelehnt wurde. Alte Blockflöten und neue bundesdeutsche Parteienmacht waren sich aber einig."

Aufgegeben hatte Schulz auch da nicht wie er es zuvor in seinem Leben nie tat. 1980 war der wissenschaftliche Assistent für Lebensmitteltechnologie von der Humboldt-Universität geflogen, weil er sich gegen den Afghahistankrieg der Sowjetunion aussprach. 1988 wurde ihm quasi Berufsverbot erteilt, als der Nicht-Genosse im Parteilehrjahr des Instituts für Sekundärrohstoffwirtschaft einforderte, sich mit den Perestroika-Gedanken auseinanderzusetzen. Als die DDR zu Ende ging, war Schulz "Kanalarbeiter" in der Hygieneinspektion in Berlin-Lichtenberg. Er hatte mit von Taubenzecken befallenen Häusern zu tun, musste aktiv werden, wenn Leute verwahrlosten und 20 Katzen oder 15 Hunde in ihren Wohnungen hielten und wenn im Keller die Abwasserleitung defekt war. Quietschende Straßenbahnen waren sein Thema, der Ruß in der Luft ebenso. Schulz machte diese Drecksarbeit, weil er im Gegensatz zu vielen anderen nicht aus der DDR aussteigen wollte. Für den Bürgerrechtler, der er auch heute ist, ist die größte Sehnsucht der Friedlichen Revolution, dieses "Wir sind das Volk" als Forderung nach echter Demokratie, nach echter Machtausübung durch den Souverän, noch immer nicht eingelöst. Bundeskanzlerin Angela Merkel will er mithin zurufen: "Da ist noch was offen, Angie, du kommst doch auch vom demokratischen Aufbruch."

Schulz ist noch immer rastlos unterwegs. Nun vor allem in Europa, in Straßburg und Brüssel und in Sachen Menschenrechte in Russland. Das Schicksal der ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja treibt ihn besonders an. Privat lässt Schulz selten in sich blicken. Bei seinen Kindern, meint er, fehlt ihm ein Stück Film. Heute ist die Tochter 30 und der Sohn 27 Jahre alt. "Wenn beide erzählen, wie es war, sage ich manchmal staunend: Davon weiß ich doch nichts. Und die Kinder entgegnen: Typisch, du warst ja auch nicht da." Trotz allem: Man hielt zusammen. Dieses Verdienst gebührt Schulz' Ehefrau. Der Verlust der Familie wäre ihm ein zu hoher Preis für die Karriere in der Politik gewesen. Und dass es nach der Rede zum 9. Oktober auch Lob von Tochter und Sohn gab, zählt für den Familienmenschen Schulz besonders.

Von THOMAS MAYER

Werner Schulz

Ex-MdB/MdEP – DDR-Bürgerrechtler

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