06. März 2012

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Sächs. Zeitung "Ist Joachim Gauck gar kein Bürgerrechtler?"

Logo_Saechsische_ZtgDer Bündnisgrüne Werner Schulz über Mitstreiter von 1989 und Ost-West-Unterschiede bei Präsidentschaftskandidaten.

Herr Schulz, schmückt sich Joachim Gauck mit fremden Federn?

Wieso sollte er? Gauck ist Gauck.

Mitstreiter von 1989 wie Hans-Joachim Tschiche behaupten, der Präsidentenkandidat reise „ohne Skrupel“ als Bürgerrechtler durch die politische Landschaft – aber fälschlicherweise. Ist Gauck gar kein Bürgerrechtler?

Diese Vorwürfe sind mir unverständlich. Ich weiß nicht, warum sie gerade jetzt auftauchen, ich kann mich auch nicht erinnern, dass es bei seiner Kandidatur vor zwei Jahren eine ähnliche Diskussion gegeben hat. Natürlich gehört Gauck zur Bürgerrechtsbewegung. Er war sicher kein Widerstandskämpfer der ersten Stunde. Aber das behauptet er auch nicht. Dazu muss man bloß mal seine Autobiografie lesen und seinen Lebensweg anschauen. Selbstverständlich war er einer von uns!

Was ist überhaupt ein Bürgerrechtler?

Dazu gibt es keine klare Definition. Das ist kein Beruf, sondern ein Begriff, der politische Haltung und Engagement beschreibt. Fakt ist: Das Basislager unserer friedlichen Revolution war die evangelische Kirche. Gauck hat dort nachhaltige Arbeit geleistet –- als Jugendpfarrer, als Gemeindepfarrer. Er hat an diesem Netzwerk mitgewirkt, das letztlich den Protest getragen hat, die Leute aufgebaut und ermutigt, die dann aus den Kirchen auf die Straße gegangen sind. Er hat im Neubaugebiet Rostock-Evershagen eine evangelische Gemeinde organisiert, wo keine Kirche und nichts war. Er hat eben nicht „Kirche im Sozialismus“, sondern „Kirche trotz Sozialismus“ vorgelebt. Ohne Zweifel gehört Joachim Gauck zu den Wegbereitern dieser protestantischen Revolution.

Gerhard Rein, ein westdeutscher Radio-Korrespondent, der damals aus der DDR berichtete, sagt jetzt, ein politisches Engagement Gaucks gegen den repressiven Staat sei vor Oktober 1989 nicht auszumachen gewesen.

Möglicherweise ist Herr Rein nicht bis in den hohen Norden gekommen. Außerdem war Mecklenburg schon immer etwas hinterher. Aber im Ernst: Mir fallen viele evangelische Pastoren ein, die sich damals nicht unbedingt mit Schriften hervorgetan haben. Das allein sagt aber nichts. Man nehme bloß den einen Satz, den Gauck auf dem Kirchentag 1988 in Rostock gesagt hat, und der auch im Westfernsehen zu hören war: „Wir werden bleiben, wenn wir gehen dürfen.“ Und das in einer Situation, in der in der DDR die Ausreisewelle anschwoll, in der Ausreisewillige wie Staatsfeinde behandelt worden sind. Warum hat denn die Stasi zu Gauck den operativen Vorgang „Larve“ angelegt? Sie hat eben befürchtet, dass sich da was entpuppen kann, was Sprengkraft haben könnte. Gauck hat dann im Herbst 1989 in Rostock das NEUE FORUM und Demonstrationen mitorganisiert und sich als Bürgerrechtler erwiesen.

Damals hat ohnehin allenfalls das Westfernsehen von Bürgerrechtlern geredet.

Wir selbst haben uns jedenfalls nie als Bürgerrechtler bezeichnet. Wir haben noch nicht mal den Begriff Opposition benutzt. Wir waren Mitglieder von Friedenskreisen, von Frauen- und Umweltgruppen und so weiter – alles unter dem Dach der evangelischen Kirche. Die Ausnahme war die Initiative Frieden und Menschenrechte, die ab 1986 den Versuch unternahm, sich außerhalb der Kirche zu organisieren. Wir haben uns auch deswegen nie oppositionell genannt, weil wir dem Staat keinen Vorwand liefern wollten, gegen uns vorzugehen. Der Begriff Bürgerrechtler kam erst auf, als es eine wirklich breite Bürgerbewegung gab, als Massen auf die Straße gingen und in die Kirchen strömten. Damals stand in Rostock der Revolutions-Pastor Joachim Gauck vor den Leuten und hat sie zum Kampf um ihre Freiheits- und Bürgerrechte ermutigt.

Liegen die Ursachen für die heutige scharfe Kritik im unterschiedlichen politischen Weg, den die Akteure von damals seither gegangen sind?

Es gab auch damals durchaus Differenzen. Aber es gab keine solch scharfen Angriffe wie jetzt. Vielleicht liegt es an den jüngsten Äußerungen von Gauck, die leider oft sehr verkürzt wiedergegeben und aus dem Zusammenhang gerissen werden. Und wenn er Zweifel an der Wirksamkeit derzeitiger Protestbewegungen hat oder klare Konzepte vermisst, dann kann man darüber trefflich streiten. Das ist jedoch eine andere Art der Auseinandersetzung. Ich will keinen angepassten Präsidenten, der über Allgemeinplätze schleicht und allen nach dem Mund redet!

Die Kontroverse um Gauck findet mehr im Osten als im Westen statt. Hat dies nur mit dem Vorsitz in der Behörde zu tun, die die Stasi-Akten verwaltet?

Es ist schon eine merkwürdige Situation. Die Anerkennung für den Lebensweg und die Lebensleistung, für die Redlichkeit und Anständigkeit eines Joachim Gauck scheint im Westen höher zu sein. Im Osten wirkt offenbar bis heute, dass man ihn seit seiner Tätigkeit als Sonderbeauftragter für die Stasi-Akten diffamiert hat. Schnell war da die Rede von Gauck-Akten. Aber die gab und gibt es nicht: Es gibt nur Stasi-Akten. Die Leute sind auch nicht gegauckt worden, sondern wurden mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Gauck war und ist nicht der Großinquisitor, der Kommunistenjäger. Weltweit wird unsere Art der Aufarbeitung als vorbildlich anerkannt.

Wird Gauck es schaffen, versöhnend zu wirken, der Präsident aller Deutschen zu sein?

Joachim Gauck wird ein Bürger-Präsident sein, der in der Lage ist, Politikverdrossenheit abzubauen und die Bürgergesellschaft voranzubringen. Er übernimmt die schwierige Aufgabe, das Amt des Bundespräsidenten wieder aufzurichten, das durch zwei spektakuläre Abgänge ramponiert wurde. Als Bürgerrechtler aber sage ich noch mal: Gauck ist einer von uns. Er gehört zur friedlichen Revolution und istmit diesem demokratischen Aufbruch im höchsten Amt unseres Staates angekommen. Das ist ein gemeinsamer Erfolg, den wir uns nicht kleinreden sollten.

Gespräch: Peter Heimann

(c) Sächsische Zeitung

Werner Schulz

Ex-MdB/MdEP – DDR-Bürgerrechtler

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