28. September 2012

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Film und Diskussion zu „Putins Kiss“ übertraf alle Erwartungen. Und Möglichkeiten

120928_Filmplakat_Putins_KissNur überpünktliches Erscheinen sicherte an diesem Abend Plätze: Noch weit vor Filmbeginn war jeder Sitz-, Boden- und Stehplatz des Berliner Programmkinos ACUD belegt. Wer dabei war, erlebte nicht nur einen sehenswerten Film, sondern eine äußerst lebhafte Debatte über und mit Russlands Jugend.

Als Einstieg und Anregung für die anschließende Diskussion unter dem Titel „Russlands Jugend: Protest oder Anpassung? Gehen oder bleiben?" bot der Film „Putins Kiss" reichlich Gesprächsstoff. Über Wochen und Monate begleitet der jungen dänischen Regisseurin Lise Birk Pedersen die engagierte Teenagerin Mascha Drokova, die bereits mit neunzehn Jahren zur obersten Riege der kremltreuen Jugendorganisation „Nashi" gehört. Der Kontakt mit einer Gruppe liberaler und Putin-kritischer Journalisten, darunter der bekannte Kommersant-Korrespondent Oleg Kaschin, bringt sie dazu, sich mit den Methoden und Ansichten ihrer Bewegung auseinander zu setzen.
Der Dokumentarfilm, der die Geschichte dieser Begegnung und Veränderung aufzeichnet, bietet seltene Einblicke sowohl in die Szene der Putin-treuen Jugendorganisationen als auch in das Milieu und die Gespräche der oppositionellen Intellektuellen in Russland.

120928_KaschinIm Anschluss an den Film beantwortete Podiumsgast Oleg Kaschin zahlreiche Fragen des Publikums zum Film: Wie er die Regisseurin kennen gelernt und sie die Idee, die Bewegung zu verfilmen, entwickelt hatten. Über die Folgen der brutalen Angriffs auf seine Person, in der Eingangszene des Films festgehalten, für ihn, auf weitere Akteure und die Dynamik des Films. Über Mascha, die nichts mehr mit dem Film zu tun haben will. Auf eine Einladung zu diesem Abend hatte sie ebenso nicht reagiert.

120928_Podiumsgste_1Weitere Podiumsgäste der Veranstaltung waren die Initiatoren des Abends: Stefan Melle vom Deutsch-Russischen Austausch e.V., das Bündnis „iDecembrists" von Aktivisten aus dem russischsprachigem Raum in Berlin, vertreten durch Alexander Formozov sowie der bündnisgrüne Europaabgeordnete Werner Schulz als Moderator der Gesprächsrunde.
Alle drei Organisatoren verbindet ihr Engagement für einen vertieften zivilgesellschaftlichen und interkulturellen Dialog Europas mit seinen östlichen Nachbarn, führte zu dieser Kooperation und Idee der Veranstaltung, die als Auftakt einer Reihe weitere Fortsetzung finden soll.

Was ist der Reiz von Jugendorganisationen wie Nashi? Werden sie über- oder unterschätzt? Wie „funktionieren" sie und mit welchem Erfolg? Wird die Lust an politscher Einmischung durch die jüngsten Gesetzesverschärfungen und juristischen Verfolgungen ersticken oder weiter wachsen? Über diese Fragen wurde zwischen den überwiegend aus Osteuropa stammenden Veranstaltungsgästen, besonders den Jugendlichen, sehr lebhaft und auch widerstreitend diskutiert.
Dennoch war das Publikum bunt gemischt. Wer schon lange im Ausland lebte, wollte mehr über die Ereignisse in der Heimat wissen, hören, wie sie von anderen gesehen und beurteilt werden und darüber ins Gespräch kommen, wie sich die Verhältnisse im Land weiter entwickeln würden.

120928_SaalDie Lebendigkeit der Debatte und das unerwartet hohe Interesse machten vor allem eins deutlich: Berlin ist mehr als ein Ort für Expertendiskussion über Europas oft wenig bekannte östliche Nachbarn. Berlin ist die Wahlheimat hunderttausender Menschen aus diesen Ländern, die dauerhaft oder auf Zeit hier leben. Sie leben hier, in unserer Gesellschaft und sind ein Teil von ihr. Unsere europäische Politik gegenüber Russland und Osteuropa geht sie mindestens ebenso an wie uns. Immer mehr von ihnen, insbesondere junge Leute, wollen sich engagieren und mischen sich in politische Aktivitäten ein. Höchste Zeit, mehr miteinander ins Gespräch zu kommen.

Die nächste Veranstaltung im Format Film und Diskussion zur politischen Entwicklung in Osteuropa findet Ende Januar 2013 in Berlin statt. Weitere Informationen folgen.