23. Oktober 2012

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Welcher Preis würdigte Pussy Riot besser denn das "Unerschrockene Wort"? - Offener Brief

121023_Luther_Pussy_Riot_MaskeAuf der morgigen Sitzung des Stadtrats der Stadt Wittenberg wird über einen Antrag verhandelt, die Nominierung der russischen Punkt für das "Unerschrockene Wort" rückgängig zu machen. Mit dem vorliegenden Brief und nebst ausführlicher Begründung möchte ich diejenigen, die den Vorschlag unterbreitet haben, ermutigen daran festzuhalten und sich ihm Rahmen der Jury der 16 Lutherstädte für diese Preisverleihung einzusetzen (Foto EXBERLINER)

OFFENER BRIEF

Sehr geehrte Stadträte von Wittenberg,
würde man dieser Tage nach einem Preis suchen, um das Engagement der russischen Frauen-Punkband Pussy Riot treffend zu würdigen, dann müsste man ihn das „Unerschrockene Wort“ nennen. Einen Preis, der Menschen auszeichnet „für unerschrockenes Auftreten Unbill in Kauf zu nehmen“. Zum Glück gibt es genau diesen Preis und der Hauptausschuss der Lutherstadt Wittenberg hat nach intensiver Beratung und aus guten Gründen und völlig zu Recht vorgeschlagen diesen Preis der Lutherstädte an „Pussy Riot“ zu verleihen.
Doch leider hagelt es jetzt, wie ich höre und lese, abstruse Kritik, die von großem Unwissen, Vorurteilen und fataler Ablehnung geprägt ist. Auf MDR-Figaro hat Friedrich Schorlemmer gesagt: „Wenn man den Preis ruinieren will, muss man das so machen. Die jungen Damen meinten sie werden weltbekannt wenn sie einfach vor dem Altar richtige deftige Schweinereien loslassen. Was das mit politischen Protest zu tun hat möchte ich gern wissen, angefangen vom Namen dieser Band.“

Diesem Wissensbedarf möchte ich gern nachkommen und schicke Ihnen im Anhang eine ausführliche Preisbegründung. Sie soll diejenigen ermutigen, die den Vorschlag unterbreitet haben, daran festzuhalten und sich ihm Rahmen der Jury der 16 Lutherstädte für diese Preisverleihung einzusetzen. Soweit ich die anderen Vorschläge kenne, ist bei allem Respekt und Anerkennung für die Nominierten keiner mit dem Mut dieser Frauen
vergleichbar.

Ich schicke diese Begründung aber auch an die Kritiker in der Hoffnung, dass sie die Fakten und Argumente aufnehmen und sich ernsthaft durch den Kopf gehen lassen, ob ihre Skepsis berechtigt ist und ihre Ablehnung Substanz hat. Gerade am Ursprung der Reformation sollte das Bewusstsein dafür wach gehalten werden, dass die Kirche ein geeigneter Ort ist, um gegen Unterdrückung, Unfreiheit und Demütigung zu protestieren und es auch heutzutage elementare Gründe für diesen Protest gibt. Das unerschrockene, freie Wort und die Suche nach Wahrheit dürfen nicht vor der Kirchentür halt machen. Das hat Martin Luther, die Bekennende Kirche und unsere friedliche Revolution im Herbst '89 bewegt. In der Tradition Dietrich Bonhoeffers besteht der Grundauftrag des Christentums darin, sich deutlich und unmissverständlich gegen Machtmissbrauch und Unterdrückung zu äußern. Die Religion als solche spielt, wie Bonhoeffer in seinen Gefängnisbriefen betont hat, in diesem Zusammenhang keine Rolle. Er sprach vom „religionslosen Christentum“. Nadeschda Tolokonnikowa, die von Jesus Worten und Taten beeindruckt ist, begründete die Wahl der Kirche als Ort für das Punkgebet auch damit, dass das Christentum „die Suche nach Wahrheit und Selbstüberwindung unterstützt“. Das sollten Theologen wie Siegfried Kasparick und Friedrich Schorlemmer eigentlich wissen, die das „Priestertum aller Gläubigen“ vertreten. Ich hoffe, dass sie die Größe haben ihre Meinung zu revidieren oder aber ausführlich begründen, warum sie das alles nur für einen „Muschi-Krawall“ halten.

Ich fürchte nicht, dass die Preisverleihung an Pussy Riot den Preis kaputt macht. Ganz im Gegenteil: Das unerschrockene Wort soll doch Zivilcourage und nicht besinnliche Andacht auszeichnen und ginge tatsächlich an furchtlose und würdige Preisträger. Anders als der im vorigen Jahr vorgesehene „Quadriga Preis für Aufbruch, Erneuerung und Pioniergeist“ an Wladimir Putin. Es wird nicht passieren, dass der „Baum der orthodoxen Kirche im Luthergarten eingeht“ wie der „Russland-Kenner“ Heinz Wehmeier befürchtet. Denn zum Glück besteht kein Zusammenhang zwischen Baumsterben und umstrittenen Preisverleihungen. Sonst hätte uns der  Friedensnobelpreis an Barack Obama schon ganze Regenwaldregionen gekostet. Mit dem „LennonOno Grant for Peace“, der von Yoko Ono und Amnesty International an Pussy Riot vergeben wurde und der Nominierung für den Sacharowpreis des EU-Parlaments, befände man sich sogar in bester Gesellschaft. Wittenberg wird sich nicht blamieren, allenfalls durch die Rücknahme der Nominierung. Das dürfte sich dann vermutlich und nachhaltig bis zum großen Reformationsjubiläum erstrecken.
Wie ich gelesen habe, hat es ursprünglich trotz zweifacher Nachfrage der Stadtverwaltung, keinen Vorschlag für den Preis gegeben. Deswegen hoffe ich jetzt, dass man die Preisbegründung publiziert und die Wittenberger nach all den Einsprüchen den Mut aufbringen, die Nominierung für Pussy Riot zu unterstützen und deren unerschrockenen Protest gegen Putins autoritäre Herrschaft anerkennend würdigen. Als politisch engagierter Christ kann ich abschließend nur hoffen, dass Sie, geehrte Stadträte, sich die Zeit nehmen werden um meinen Argumenten zu folgen und eine mutige Entscheidung nicht revidieren.

Mit freundlichen Grüßen,

Werner Schulz MdEP

BEGRÜNDUNGSSCHREIBEN vom 23. Oktober 2012