29. August 2013

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Filmabend über russische Heimkinder: Von der Politik vereinnahmt, von der Fürsorge ausgespart?

WernerAm 29. August 2013 luden der Deutsch-Russische Austausch, der Verein IDecembrist e.V. und Werner Schulz zur bereits dritten Veranstaltung der Reihe „ostEuropa bewegt" in die Berliner Wabe ein. 120 Gäste verfolgten die Deutschlandpremiere des Films „Mama, ich bringe dich um" (Мама, я убью тебя) der Regisseurin Elena Pogrebizhskaya und anschließende Diskussion über Heimkinder zwischen Politik und Gesellschaft.

Der Film zeigt ein Kinderheim im Moskauer Gebiet und geht den Schicksalen der filmisch porträtierten Kinder, ihren Lebensumständen im Heim sowie der zentralen Frage nach ihren Chancen als Erwachsene in der russischen Gesellschaft nach: Sie stammen aus einem zumeist schwierigen sozialen Milieu und wachsen in einem Heim auf, das zwar gut eingerichtet ist, aber die Kinder isoliert und sie durch anachronistische Erziehungsmethoden und ein Personal, das die intellektuellen Fähigkeiten der Kinder von vornherein geringschätzt, in ihrer Entwicklung behindert. So reduziert es letztlich die Aussicht der Kinder, nach ihrer Entlassung in der Gesellschaft Fuß zu fassen, erheblich.

Podium alle
Foto v.l.n.r.: M. Boch, Anke Gießen, Alexander Formozov, Elena Pogrebizhskaya, Mischa Gabowitsch)

Zusammen mit der Regisseurin Elena Pogrebizhskaya diskutierten im Anschluss Margarete von der Borch (Gründerin und ehemalige Präsidentin der Behindertenhilfe-NGO „Perspektivy", St. Petersburg), Anke Giesen (Erziehungswissenschaftlerin, Sozialpädagogisches Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg, Berlin) und Stefan Melle (Geschäftsführer des DRA) über die Lage von Heimkindern in Russland und Deutschland. Es moderierte der Soziologe und Zeithistoriker Mischa Gabowitsch vom Einstein Forum Potsdam.

Elena Pogrebizhskaya berichtete zunächst von ihrer Arbeit mit den Kindern und wie beide Seiten sich im Laufe der Dreharbeiten einander angenähert haben. Einig waren sich die TeilnehmerInnen über den allgemeinen Wert des so entstandenen filmischen Einblickes. Sehr kontrovers diskutiert wurde jedoch vor allem vom Publikum die Frage nach der Objektivität des filmischen Blicks und nach der Verantwortung von FilmemacherInnen gegenüber ihren minderjährigen Darstellern während solcher Projekte und darüber hinaus. Während die Regisseurin die Arbeitsweise von DokumentarfilmerInnen betonte, sich nacheinander verschiedenen Projekten zu widmen, kritisierten einige Gäste gerade diesen abgeschlossenen Charakter. Dabei werde zwar der Versuch unternommen, bestimmte Realitäten bewusst zu machen, aber nicht, sie nachhaltig zu verändern. Auch stelle sich die Frage, ob nicht der jähe Eingriff in die Psyche und Erkenntniswelt der Kinder ihre seelische Gefährdung noch zusätzlich vergrößere.
Zusätzliche Einblicke in das Heim- und Fürsorgesystem Russlands aber auch Deutschlands gaben Margarete von der Borch und Anke Giesen, die beide bereits seit vielen Jahren auf diesem Gebiet aktiv sind. Sie machten darauf aufmerksam, dass geschlossene Institutionen generell leicht anfällig sind für autoritäre Tendenzen. Auch in Deutschland bestehe in den pädagogischen Ansätzen immer wieder Reformbedarf.

Werner Schulz und Stefan Melle gingen in ihren Statements auf den politischen Hintergrund des Themas ein, das ihm auch Brisanz in den internationalen Beziehungen gab – das Ende 2012 in Russland verhängte Adoptionsverbot für US- Bürger. Das Gesetz gilt als Gegenreaktion der russischen Staatsführung auf von den USA verhängte Sanktionen gegen Moskauer Beamte, denen eine Mitschuld am Tod des Anwaltes Sergej Magnitsky in russischer Untersuchungshaft zugeschrieben wird. In Russland hatte das Gesetz eine gesellschaftliche Debatte über die bisher vielfach tabuisierten Lebensverhältnisse von Heimkindern und über ihre Zukunftschancen ausgelöst.

weitere Informationen:

Werner Schulz

Ex-MdB/MdEP – DDR-Bürgerrechtler

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"Es lebe die russische Verfassung!

Grafik; Ivan Kolesnikow und Sergej Denisow, 2008

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